Der Weihnachtself

Zwar war sie es gewesen, die mit dem Beginn den Hexenverfolgung und der Entstehung der Inquisition die Trennung der Welten heraufbeschworen hatte, aber diese Welt war so anders, als sie in den Chroniken seines Volkes beschrieben worden war. Er musste etwas finden, dass er wenigstens aus den Büchern kannte. So straffte Agilof die Schultern und machte auf dem Absatz kehrt. Mit wehendem Umhang und tief ins Gesicht gezogener Kapuze schritt er auf ein Gebäude zu, welches ihm, kurz bevor er den Platz an den zwei Flüssen erreicht hatte, ins Auge gefallen war.
Vor der Kirche atmete Agilof noch einmal tief durch, schob sich die Kapuze vom Kopf und stieß das Eingangsportal auf. Als es krachend gegen die Wand schlug, hatte der Elf bereits das Schwert gezogen und durchmaß den Mittelgang der Kirche nun mit langen Schritten.
Eine ältere, dennoch resolut wirkende Frau war zunächst wütend aufgefahren und hatte etwas sagen wollen, doch nun stand sie schweigend da. Ängstlich hing ihr Blick an der blitzenden Klinge in Agilofs Hand, die auf sie gerichtet war.
„Ich verlange umgehend einen Priester zu sprechen!“, knurrte der Elf und blickte finster auf die Frau hinab. Diese nickte nur mit Tränen in den Augen.
„Nun gut. Gehe und hole einen. Ich warte hier.“
Der Elf schob sein Schwert zurück in die Scheide und trat einen Schritt zur Seite. Verwirrt blickte die Frau zu ihm auf, um dann so schnell sie nur konnte aus der Kirche zu hasten. Seufzend ließ Agilof sich auf einer der Bänke nieder.

Pfarrer Christoph Jung war für gewöhnlich ein Mann der äußerst durchdacht handelte. Dass er sich dennoch nach dem wirren Anruf seiner Küsterin aus Sankt Kastor direkt auf den Weg zur Kirche gemacht hatte, lag daran, dass er ein herzensguter Mensch war und, so verrückt es auch klingen mochte, dass Frau Bach von einem Mann mit einem Schwert bedroht worden sein soll, sie hatte Angst gehabt. Den Tränen nahe hatte sie den Pfarrer am Telefon angefleht, sofort zur Kastorkirche zu kommen und am besten gleich die Polizei mitzubringen. Davon allerdings hatte der Mann mittleren Alters vorerst abgesehen. Er wollte sich zunächst selbst ein Bild von der Situation vor Ort machen – sicherlich gab es eine ganz einfache Erklärung für den Vorfall.
„Herr Pastor! Endlich sind Sie da!“, schluchzte Frau Bach, als Jung aus seinem Wagen stieg. „Kommt die Polizei auch gleich?“
„Na na, Frau Bach. Wir wollen die Polizei doch nicht mit einer solchen Lappalie belästigen“, entgegnete der Pfarrer und ließ ein mitfühlendes Lächeln sehen.
„Das ich mit einem… einem Schwert bedroht werde, nennen Sie Lappalie?“, empörte sich die Küsterin.
„Sind Sie denn sicher, dass der Mann Sie mit einem Schwert bedroht hat? Und Sie haben nicht vielleicht wieder vom Messwein gekostet?“
Unter dem strengen Blick des Pfarrers fühlte die ältere Dame sich sichtlich unwohl.
„Ich weiß, ich hätte nicht davon trinken dürfen, aber, bei Gott, ich habe wirklich nichts getrunken! Ich habe Ihnen versprochen, es nie wieder zu tun!“
„Schon gut, schon gut. Passen Sie auf Frau Bach. Sie gehen jetzt einfach nach Hause und ich kümmere mich um die Sache hier, ja?“, meinte Jung resigniert. Er wusste, dass Frau Bach dem Alkohol etwas mehr zu getan war, als es gut für sie wäre, aber dennoch hatte sie ihre Arbeiten als Küsterin bisher immer zuverlässig und pflichtbewusst erfüllt. Mehr als ihr gut zu zureden und ihr diese Möglichkeit zu bieten, als Küsterin zu arbeiten, konnte er nicht tun. Frau Bach war verwitwet und hatte einen erwachsenen Sohn, der aber mit seiner Familie irgendwo im Ausland lebte.
„Wenn Sie meinen, aber bitte Herr Pastor, seien Sie vorsichtig! Der Kerl da drin ist gefährlich!“, beschwor ihn die alte Dame erneut und ließ dann die Schultern hängen.
„Versprochen!“ Jung schenkte ihr noch ein aufrichtiges, gütiges Lächeln und wandte sich dann der Kirche zu. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass an dieser Geschichte etwas dran sein sollte, aber er wollte gar nicht daran denken, was es für Frau Bach bedeuten würde, sollte er Recht behalten. ‚Arme Frau Bach. Ich sollte Sie vielleicht öfter besuchen…‘, dachte der Pastor und öffnete die Tür zur Kirche.

Während er langsam durch den Gang schritt, musterte er aufmerksam den Mann, der vorne an der Krippe stand und ihm den Rücken zugewandt hatte. Mit einigem Abstand blieb er stehen und fragte laut: „Sie wollten einen Pastor sprechen?“
„So ist es, Priester!“, bestätigte der Mann, drehte sich herum und kam ihm bis zur ersten Bankreihe entgegen.
Jung schluckte schwer, als er sah, dass seine Hand dabei auf dem Griff eines Schwertes ruhte.
Agilof folgte dem Blick des Priesters und lächelte. „Ihr habt nichts zu befürchten, wenn Ihr mir freundlich gesonnen seid, Priester. Ich habe ein paar Fragen an euch, doch zunächst nennt mir Euren Namen!“
Jung wunderte sich leicht über die Sprechweise des Fremden, aber noch mehr wunderte er sich über dessen gesamte Erscheinung. Er sah aus, als sei er geradewegs aus einem Herr der Ringe-Film gestolpert. Vielleicht hätte er doch die Polizei rufen sollen. Aber wer hätte denn ahnen können, dass tatsächlich ein Verrückter mit Schwert in der Kirche auf ihn wartet.
„Ich heiße Christoph Jung und wie heißen Sie?“, entgegnete er schließlich und bemühte sich um eine feste Stimme, die ihm sogar recht gut gelang.
„Ich bin Agilof von den südlichen Waldelfen. Ich bin hier, um mir ein Bild von Eurer Welt heute zu machen. So sage mir Priester: Seid Ihr ein Inquisitor?“
Verwirrt zog der Pastor eine Augenbraue hoch. Dieser Mann schien tatsächlich verrückt zu sein und dennoch wirkte es überhaupt nicht so, als trage er ein Kostüm. Erst jetzt bemerkte er, dass die Kleidung seines Gegenübers äußerst unpassend für das Wetter draußen wirkte. Unschlüssig schob Jung die Hände in die Taschen seines schwarzen Wintermantels.
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht so Recht, was Sie von mir erwarten!? Ich habe keine Ahnung von diesen ganzen Fantasygeschichten…“
Der Mann, der sich Agilof nannte schien etwas von seiner Entschlossenheit zu verlieren. Dennoch fragte er erneut: „Seid Ihr ein Inquisitor?“
Jung seufzte und antwortete: „Nein, bin ich natürlich nicht. Die Inquisition, die Sie wohl meinen, gibt es seit hunderten von Jahren nicht mehr.“
Einen Moment ruhte die Hand Agilofs noch unschlüssig auf dessen Schwert, bevor er sie sinken ließ und meinte: „Ich glaube Euch.“
„Das… ähm… freut mich, aber…“, setzte der Priester an, brach aber dann ab und zuckte hilflos mit den Schultern. „Kann ich auch dir glauben? Du musst zugeben, dass es reichlich verrückt klingt, wenn du sagst, du seist ein Elf und heißt Agilof. Dazu noch dein Aufzug…“
Jung hatte sich bewusst entschieden, zum Du zu wechseln. Er wollte dem Mann Vertrauen und Nähe suggerieren. Schaden konnte es gewiss nicht.
Der Elf blickte Jung mit einiger Verwirrung an. „Wieso sollte es verrückt klingen, Euch zu sagen, wer ich bin?“
„Na, weil es in Wirklichkeit keine Elfen gibt. Das sind doch alles nur Geschichten.“
Erkenntnis schlicht sich auf das Gesicht des Elfen. Ungläubig ließ er sich auf die Bank sinken. Als er so in sich zusammengesunken auf der Bank hockte und schweigend vor sich hin starrte, bemerkte Jung plötzlich, dass der Mann am ganzen Körper vor Kälte zitterte. Unschlüssig zog der Priester die Hand aus seiner Tasche, fuhr sich über das kurze, dunkle, stellenweise aber schon grau durchsetzte Haar und ließ seine Hand kurz nachdenklich auf seinem Hinterkopf ruhen, bevor er sich schließlich einen Ruck gab und auf den Mann zuging. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und setzte sich dann neben ihn. Kurz blickte der Elf zu dem Priester auf.
Erschrocken stellte Jung fest, dass pure Hilflosigkeit aus seinem Blick sprach. Er seufzte und meinte: „Kopf hoch! Wird sich schon alles aufklären. Wie wär’s: Du kommst jetzt erstmal mit zu mir. Da kannst du heiß duschen und dir was Trockenes anziehen. Danach sehen wir weiter.“
Überrascht hob Agilof den Kopf und sah dem Priester ins Gesicht. Dieser schenkte ihm ein freundliches Lächeln. Jung konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Mann tatsächlich gefährlich war. Er wirkte vielmehr so, als hätte er Angst. Sicher hatte er sich nicht anders zu helfen gewusst, als Frau Bach zu bedrohen. Es war ja nichts weiter passiert.
‚Vielleicht bin ich auch einfach viel zu gutmütig. Aber irgendetwas an diesem Mann sagt mir einfach, dass er nicht verrückt ist – selbst wenn er sich für einen Elfen hält. Maria im Himmel, werde ich langsam verrückt? Bin ich vielleicht überarbeitet?‘, grübelte Jung.
„Meint Ihr das ernst, Priester? Ihr ladet mich in Euer Haus ein, obwohl ich diese Frau bedroht habe, damit Ihr hierher kommt?“, fragte Agilof misstrauisch und riss Jung aus seinen Gedanken.
„Ich kann dich ja schlecht weiter frieren lassen. Aber hör bitte auf mich Priester zu nennen. Ich habe dir meinen Namen ja nicht zum Spaß verraten. Ich bin Herr Jung oder meinetwegen auch Christoph, wenn dir das eher zusagt, Agilof“, brummte Jung und erhob sich. „Na los. Komm schon. Wenn ich dich weiter so zittern sehe, fange ich auch noch an zu frieren.“
Um seine Aussage zu verdeutlichen schob der Pastor die Hände wieder beide in die Manteltaschen und zog den Kopf zwischen die Schultern. Agilof war sich zwar nicht sicher, ob dies ein Trick sein sollte, aber er hatte schließlich gesagt er glaube dem Priester und das war die Wahrheit gewesen. So stand er also auf und sah den Menschen an.
„Eine Frage habe ich aber noch an Euch… Christoph. Wieso wird dies arme Kind dem Vieh zum Fraß vorgeworfen?“, entgegnete der Elf schließlich und nickte zur Krippe hinüber.
Christoph Jung atmete überrascht ein und wollte schon antworten, lächelte dann aber nur und meinte: „Das erkläre ich dir später.“
Damit ging er voran und verließ die Kirche dicht gefolgt von dem Elfen.

Es kostete den Priester fast eine halbe Stunde mühsamster Überredungsarbeit, bis Agilof bereit war sich in sein Auto zu setzen. Der Elf warf ihm vor, er habe geahnt, dass die Einladung nur eine Falle gewesen war und dass Jung ihn an sein Monster verfüttern wolle.
Als sie beide schließlich im Wagen saßen und Jung den Zündschlüssel drehte, stemmte der Elf sich mit aller Kraft in den Sitz und zog reflexartig das Schwert, welches er zwar vom Gürtel genommen aber nicht aus der Hand gegeben hatte, ein Stück aus der Scheide.

Eine Viertelstunde, eine Beinahe-Panikattacke und eine beherzte Ohrfeige später, schloss Christoph Jung schließlich die Tür zu seiner Wohnung auf und bat den Elfen herein. Noch während der Elf sich sprachlos umblickte, nahm ihm der Pastor die Tasche und nach einer kurzen Diskussion auch das Schwert ab und legte beides auf eine Kommode im Flur. Auch den Umhang nahm er dem Elfen ab und hängte ihn zum Trocknen im Wohnzimmer über einen Wäscheständer. Die Wohnung umfasste eine kleine, gemütliche Küche, ein kleines Badezimmer, ein Arbeitszimmer, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und den Flur.
„Euer Heim ist wahrlich eindrucksvoll, Christoph. Die Kirche und die Ihren scheinen also noch immer sehr einflussreich und vermögend zu sein?!“
„Also ich bin ganz sicher nicht vermögend oder sonderlich einflussreich, aber danke“, bemerkte der Priester, nicht sicher, ob Agilofs Bemerkung eine Feststellung oder eine Frage gewesen war. „Jetzt mach aber, dass du unter die Dusche kommst. Das Bad ist da vorne. Ich werde dir noch eben ein paar Sachen zum Anziehen und ein Handtuch geben. Moment.“
Der Mann verschwand kurz im Schlafzimmer und kehrte mit den erwähnten Dingen zurück. Er drückte sie dem Elf in die Hand und schob ihn sachte zum Bad. Völlig verwirrt blickte sich der Elf in dem weißgefliesten Raum um.
„Ich verstehe den Sinn dieser Räumlichkeit nicht.“
Jung legte die Stirn in Falten, erklärte dem Elf dann aber geduldig, welchen Zweck Toilette, Waschbecken und Dusche erfüllten und wie sie zu benutzen waren. Daraufhin ließ er Agilof dann alleine und schloss die Tür hinter sich.

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5 Comments

  1. Kommentare von Ingrid, die Bastelmaus:

    Neugierig, wie ich nun mal bin, habe ich angefangen, Deine Geschichte zu lesen. Sehr interessant, ehrlich!
    Da ich aber wegen meiner Augen nicht so lange (ist natürlich relativ…) lesen kann meine Frage:
    Ist ausdrucken möglich? Und wenn ja, wie mach ich das? Wenn das aber nicht geht, dann lese ich halt in Raten, will doch unbedingt wissen, wie es weiter geht und endet!
    LG Ingrid

    • Kommentare von therealdarkfairy:

      Du kannst auf PDF klicken (ganz oben auf seite 1) und dann öffnet sich entweder eine neue Registerkarte (jenachdem welchen browser du nutzt) oder du kannst das speichern. Wenn das PDF offen ist, kannst du die Geschcihte ausdrucken. Oben rechts ist ein Drucker Symbol.

      Freut mich, wenn sie dich schon neugierig gemacht hat :D

  2. Kommentare von Eileen:

    Das ist wirklich eine sehr schöne Geschichte :) Danke :)

  3. Ping von Erinnerungen und Lasten | DF.PP Entertainment:

    […] ihn schon kennt hat nämlich dann mein Weihnachts-ebook (etwas längere Kurzgeschichte ;) ) “Der Weihnachtself” gelesen. Die heutige Geschichte spielt nämlich ca. 1,5 Jahre nach den Ereignissen besagter […]

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